Bindungsstile in Beziehungen – warum Nähe und Distanz so unterschiedlich erlebt werden

Viele Paare kommen in die Paartherapie mit einem ähnlichen Gefühl:
„Wir lieben uns – aber wir kommen bei Nähe und Distanz einfach nicht zusammen.“
Der eine wünscht sich mehr Verbundenheit, Gespräche und Sicherheit, der andere braucht Rückzug, Eigenständigkeit oder fühlt sich schnell eingeengt.

Ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis dieser Dynamiken sind die Bindungsstile.

Was sind Bindungsstile?

Bindungsstile beschreiben, wie wir Nähe, Distanz, Vertrauen und emotionale Sicherheit in Beziehungen erleben und regulieren.
Sie entwickeln sich früh – aus den Erfahrungen mit unseren wichtigsten Bezugspersonen – und wirken oft unbewusst in unseren späteren Partnerschaften weiter.

Bindungsstile sind keine Diagnosen und keine festen Eigenschaften. Sie beschreiben typische Muster, die sich unter Stress besonders deutlich zeigen – vor allem in Liebesbeziehungen.

 Die vier wichtigsten Bindungsstile und ihr Nähe-Distanz-Verhalten

1. Der sichere Bindungsstil – Nähe und Autonomie in Balance

Menschen mit einem überwiegend sicheren Bindungsstil haben gelernt:
„Ich bin wichtig – und andere sind grundsätzlich verlässlich.“

Typisches Nähe-Distanz-Verhalten:

  • Nähe wird als angenehm erlebt
  • Distanz ist möglich, ohne Angst vor Beziehungsabbruch
  • Bedürfnisse können benannt werden
  • Konflikte werden als lösbar erlebt

Sicher gebundene Menschen können zwischen Nähe und Eigenständigkeit flexibel wechseln. Sie sind in der Lage, Bindung zu genießen, ohne sich selbst zu verlieren.

 2. Der unsicher-ängstliche Bindungsstil – starke Nähebedürfnisse

Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil haben oft früh erlebt, dass Zuwendung unzuverlässig oder schwer erreichbar war.

Inneres Erleben:

  • Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden
  • Starkes Bedürfnis nach Bestätigung
  • Hohe Sensibilität für kleinste Veränderungen

Typisches Nähe-Distanz-Verhalten:

  • Starkes Klammern oder häufiges Nachfragen
  • Schwierigkeiten, Distanz auszuhalten
  • Konflikte werden als Bedrohung der Beziehung erlebt

Je unsicherer sich die Beziehung anfühlt, desto stärker wird der Wunsch nach Nähe – was beim Partner wiederum Druck auslösen kann.

 3. Der unsicher-vermeidende Bindungsstil – Nähe wird schnell zu viel

Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil haben häufig gelernt:
„Ich komme besser allein zurecht – Nähe ist unsicher oder überfordernd.“

Inneres Erleben:

  • Wunsch nach Autonomie und Kontrolle
  • Schwierigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen
  • Emotionale Nähe fühlt sich schnell einengend an

Typisches Nähe-Distanz-Verhalten:

  • Rückzug bei Konflikten
  • Abwertung von Nähebedürfnissen („Das ist doch nicht so wichtig“)
  • Betonung von Unabhängigkeit

Distanz dient hier als Schutz vor emotionaler Überforderung – wird vom Partner jedoch oft als Ablehnung erlebt.

4. Der unsicher-ambivalente / desorganisierte Bindungsstil – Nähe und Distanz zugleich

Bei diesem Bindungsstil sind Nähe und Angst eng miteinander verknüpft. Häufig liegen widersprüchliche oder belastende frühe Beziehungserfahrungen zugrunde.

Typisches Erleben:

  • Starkes Bedürfnis nach Nähe
  • Gleichzeitig Angst vor Nähe oder Kontrollverlust
  • Wechsel zwischen Annäherung und Rückzug

Nähe-Distanz-Verhalten:

  • Unvorhersehbare Reaktionen
  • Intensität, gefolgt von Rückzug
  • Hohe emotionale Spannung in Beziehungen

Für beide Partner ist dieses Muster oft besonders verwirrend und belastend.

Wenn sich Bindungsstile gegenseitig verstärken

In der Paartherapie zeigt sich häufig eine typische Dynamik:

  • Ängstlicher Bindungsstil + vermeidender Bindungsstil
    → Der eine sucht Nähe, der andere zieht sich zurück
    → Beide fühlen sich nicht gesehen
    → Ein klassischer Nähe-Distanz-Kreislauf entsteht

Wichtig ist:
Beide reagieren aus einem Schutzbedürfnis heraus – nicht aus Absicht.

 Was Paare verstehen dürfen

  • Nähe-Distanz-Konflikte sind kein Zeichen mangelnder Liebe
  • Sie sind Ausdruck unterschiedlicher Bindungserfahrungen
  • Bindungsstile sind veränderbar
  • Sicherheit entsteht durch Verstehen, Benennen und neue Beziehungserfahrungen

 Wie Paartherapie unterstützen kann

In der Paartherapie geht es nicht darum, einen Bindungsstil „loszuwerden“.
Ziel ist es vielmehr, die eigenen Bindungsmuster zu erkennen, emotionale Reaktionen besser einzuordnen, Schutzstrategien zu verstehen und neue, sichere Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.

Wenn Paare lernen, hinter dem Rückzug die Angst und hinter dem Klammern das Bedürfnis nach Sicherheit zu erkennen, entsteht wieder Verbindung.

Fazit

Nähe und Distanz sind keine Gegensätze – sie gehören zusammen.
Je besser Paare verstehen, warum sie Nähe so unterschiedlich brauchen, desto eher können sie einen gemeinsamen Weg finden, der beiden gerecht wird.

Ein erstes Gespräch kann helfen, die eigene Situation besser zu verstehen – ohne sofortige Entscheidung. Kommen Sie gern auf mich zu.