Und warum sie in Beziehungen oft mehr steuern, als wir denken
Viele Paare kommen in die Paartherapie mit dem Wunsch, weniger zu streiten, besser zu kommunizieren oder endlich „vernünftig miteinander reden zu können“. Gefühle erleben sie dabei oft als störend, irrational oder sogar gefährlich. Aussagen wie „Ich will einfach sachlich bleiben“ oder „Emotionen machen alles nur kompliziert“ hören wir häufig.
Doch Gefühle sind kein Hindernis für gute Beziehungen – sie sind ihr Fundament.
Gefühle sind innere Wegweiser
Gefühle erfüllen eine zentrale psychologische Funktion:
Sie zeigen uns, was uns wichtig ist, wo unsere Grenzen liegen und wonach wir uns sehnen.
- Angst signalisiert: Hier fühle ich mich unsicher.
- Wut zeigt: Eine Grenze wurde überschritten.
- Traurigkeit weist auf Verlust oder unerfüllte Bedürfnisse hin.
- Freude sagt: Das tut mir gut – davon möchte ich mehr.
In Partnerschaften sind Gefühle daher wie ein inneres Navigationssystem. Werden sie ignoriert oder unterdrückt, verlieren Paare die Orientierung – selbst wenn sie sachlich korrekt miteinander sprechen.
Gefühle entstehen früher als Gedanken
Neurowissenschaftlich wissen wir heute:
Gefühle entstehen schneller als bewusste Gedanken. Unser emotionales Gehirn reagiert in Millisekunden, lange bevor wir etwas „durchdenken“ können.
Das erklärt, warum Paare sich oft immer wieder über dieselben Themen streiten – obwohl sie „eigentlich wissen“, dass es nicht logisch ist.
Nicht fehlende Einsicht ist das Problem, sondern ungehörte Gefühle.
Unerkannte Gefühle wiederholen sich
Was nicht gefühlt werden darf, sucht sich andere Wege.
In Beziehungen zeigt sich das häufig durch:
- Rückzug oder emotionale Kälte
- Vorwürfe, Kritik oder Sarkasmus
- Kontrolle, Eifersucht oder Anpassung
- immer gleiche Konfliktschleifen
Hinter diesen Mustern liegen meist verletzliche Gefühle, z. B. Angst, nicht wichtig zu sein, Scham, nicht zu genügen, oder die Sehnsucht nach Nähe und Sicherheit.
Gefühle verbinden – wenn sie geteilt werden
Emotionale Nähe entsteht nicht durch perfekte Kommunikationstechniken, sondern durch emotionales Mitteilen.
Wenn Partner:innen lernen, ihre Gefühle ehrlich und nicht anklagend auszudrücken, passiert etwas Entscheidendes:
Der andere versteht nicht nur, was ich denke – sondern wie es mir geht.
Sätze wie:
- „Ich fühle mich schnell allein, wenn wir keinen Kontakt haben.“
- „Ich merke, wie viel Angst in mir hochkommt, wenn du dich zurückziehst.“
- „Ich wünsche mir gerade Nähe und Beruhigung.“
öffnen Verbindung statt Abwehr.
Warum Gefühle oft Angst machen
Viele Menschen haben gelernt, Gefühle zu kontrollieren oder zu vermeiden – oft schon früh im Leben. Vielleicht war da niemand, der emotional verfügbar war. Vielleicht wurden Gefühle kritisiert, belächelt oder übergangen. Dann entsteht die innere Überzeugung:
Gefühle sind gefährlich – ich muss sie im Griff haben.
In der Partnerschaft tauchen sie jedoch wieder auf – besonders dort, wo Nähe entsteht. Das macht Beziehungen so intensiv und gleichzeitig so verletzlich.
Gefühle regulieren heißt nicht, sie zu unterdrücken
Ein häufiges Missverständnis:
Gefühle ernst zu nehmen bedeutet nicht, ihnen ausgeliefert zu sein.
Emotionale Reife zeigt sich darin,
- Gefühle wahrzunehmen
- sie einzuordnen
- Verantwortung für sie zu übernehmen
- und sie angemessen mitzuteilen
Genau hier setzt Paartherapie an: Sie hilft Paaren, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Gefühle sein dürfen, ohne zu eskalieren.
Fazit: Ohne Gefühle keine echte Beziehung
Gefühle sind kein Störfaktor, sondern der Kern lebendiger Beziehungen.
Sie zeigen, wo Nähe fehlt, wo Verletzungen liegen und was Verbindung stärkt.
Paare, die lernen, ihre Gefühle zu verstehen und miteinander zu teilen, streiten nicht unbedingt weniger – aber anders: ehrlicher, tiefer und verbindender.
Und oft entsteht genau dort wieder das, was viele verloren glaubten:
Nähe, Sicherheit und echtes Miteinander.
Ein erstes Gespräch kann helfen, die eigene Situation besser zu verstehen – ohne sofortige Entscheidung. Kommen Sie gern auf mich zu.

